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   Kai Thyret   2004
   Ranret Art Freiburg  -  Digitale Photomalerei
   Über neue Arbeiten von Ranret aus 2003 und 2004. Es sind Arbeiten, die einer neuen Phase   
   seines Schaffens entspringen. Diese Phase ist aktuell und in der weiteren Entwicklung offen.   
   Zum Verständnis, um einen Zugang zu diesen Bildern zu bekommen, mag die sinnliche An-   
   schauung und die unmittelbare Wahrnehmung genügen. Hier seien ein paar Hintergründe und   
   Zusammenhänge angerissen, die das Sehen dieser Bilder erleichtern und womöglich erwei-   
   tern und vertiefen können.   
   Kunst, vielleicht ist sie seit ihren Anfängen von Fragezeichen begleitet gewesen. Sie antwortet   
   auf menschliche Wirklichkeiten und Lebenswelten. Sie reagiert auf Wahrnehmungsformen,   
   entspricht Wahrnehmungsbedürfnissen oder fordert sie heraus, sie kann neue Formen stiften,   
   neue Bedürfnisse anregen oder provozieren. In der Kunst erschließt sich Welt, sie gibt ein   
   Zeugnis von der Gegenwart der Menschen in ihrer Zeit, ihrer Gesellschaft, ihrer Kultur. Dabei   
   bedeutet sie zugleich einen Überschuss, etwas, das nur Menschen zukommt. Die ältesten   
   Höhlenmalereien stammen gattungsgeschichtlich von unsresgleichen. So ist der Mensch,   
   unsere Gattung, ein Wesen, das etwas zum Überleben benötigt, was es eigentlich gar nicht   
   braucht, um satt zu werden. Kunst :  Schmuck, Ornamente, Musik, Lieder, Bilder. Auch   
   Flüchtiges kann künstlerische Gestalt annehmen, denken wir an Kochkunst oder die Kunst-   
   fertigkeit, die einem Parfum innewohnt. Das selbst extreme Verhältnisse einmal mit dem   
   Wort "Kunst" belegt wurden ( "Kriegskunst" ), zeigt weiter, dass es nicht nur um Gefallen   
   und Geschmack geht, sondern um mehr. Es zeigt, dass die künstlichen, künstlerischen   
   Wirklichkeiten eine eigene Wertigkeit und Würde beanspruchen. Es zeigt weiter ihre Abkünf-   
   tigkeit von technischem Vermögen, von Materialien, vom technischen Stand der Dinge, der   
   sich historisch immer anders präsentiert, Ausdifferenzierung der Technik, Material-   
   beherrschung.   
   Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Kunst verwandelt. Im Vergleich mit den vergangenen   
   Jahrhunderten, verkörpern Kunstwerke eine andere Haltung und andere Ansprüche, und sie   
   fordern andere Wahrnehmungsformen heraus. Umberto Eco prägte schon in den 1960er   
   Jahren den Begriff des "offenen Kunstwerks".   
   Für die Moderne ist es charakteristisch, dass Kunstwerke nicht mehr selbstgenügsam und   
   kugelförmig einen abgeschlossenen Kosmos repräsentieren. Dieser Prozess - die Öffnung   
   der Kunst - zeigt sich z.B. in einer Vorliebe fürs Fragmentarische, Aphoristische, quasi Un-   
   fertige und Skizzenhafte, wie sie sich in allen Künsten findet, sichtbar in der Malerei, hörbar   
   in der Musik oder in der Literatur lesbar. Dabei erschließt sich der Kunst auch Unsichtbares,   
   Unhörbares, Unlesbares. Walter Benjamin prägte dafür den Begriff der Aura. Der Moment   
   des künstlerischen Ausdrucks liegt in der Spannung zwischen dem, was die Kunst zeigt,   
   und dem, was sie verbirgt, ihrem Sein und "ihrem" Nichtsein, ihrem Bewusstsein und ihrem   
   Unbewussten, ihrer Oberfläche und einer Tiefendimension. Kunst ist nicht mehr (aus sich)   
   selbst verständlich, sie öffnet sich auf Lebenswelt, Echtzeit und Jetztzeit. Das zeigt sich   
   u. a. in der Ausweitung der Sujets, die Alltägliches aufnehmen, verrücken und verfremden.   
   Es zeigt sich auch in den verschiedenen Tendenzen, das Gegenständliche zu verlassen   
   und konkret zu werden, die eigenen Möglichkeitsbedingungen zu hinterfragen, die Wirklich-   
   keit des Bildes oder der Sprache zum Thema zu machen.   
   Die Datierung dieser Tendenzen lässt sich nicht eindeutig fixieren. Sie verlieren sich in einem   
   Gewimmel an Gründen und Hintergründen. Eine der Ursachen sei hier exponiert, nämlich die   
   Wechselwirkung von einigen außerkünstlerischen Techniken mit der Verfahrensweise der   
   Kunst selbst. Insbesondere sind es Reproduktions- und Kommunikationstechnologien, die   
   auf die Entwicklung der Künste eingewirkt haben, manchmal als Bedrohung, manchmal   
   befruchtend.   
   1   
   Der Impressionismus als Augenblickskunst hat etwas vollzogen, was fast zeitgleich die   
   Fotografie bewirkte, einen Realismus des Plötzlichen sowie eine imaginäre Erhöhung   
   des Alltäglichen.   
   Kunstgeschichte und Technikgeschichte verhalten sich wie kommunizierende Röhren, wobei   
   selbstverständlich Ungleichzeitigkeiten festzustellen sind. Die Kunst zerfällt in eine Vielzahl   
   an Stilen, denen ein Epochenbegriff, wie zuletzt im Barock kaum mehr gerecht wird. Auch   
   die Rolle des Künstlers hat sich gewandelt, hin zu einem immer stärkeren Individualismus,   
   der sich aus parallelen, gesamtgesellschaftlichen Tendenzen bis heute erklärt. Es gehört zu   
   den Paradoxien der Zeitläufte, dass wir in einer Massengesellschaft mit Massenmedien,   
   Massenkonsum und Massentourismus leben und zugleich in einer "Gesellschaft der Indivi-   
   duen". Welche Funktion dabei Kunst und Künstler-innen haben, ist unsicher geworden,   
   eine offene Frage, eine dauernde Provokation.   
   Die Entwicklungen der Technik im Laufe des Zwanzigsten Jahrhunderts erscheinen aus dem   
   äußerst geringen Abstand, den wir jetzt dazu ( nicht wirklich ) einnehmen, schier unglaublich.   
   Hat man vor 100 und vor 50 Jahren noch von einer technischen "Ausdifferenzierung" oder   
   "Materialbeherrschung" träumen können, die bald zu einem perfekten Ende kommen werde,   
   erlebt die Photographie gegenwärtig einen neuen Innovationsschub, seit es digitale Kameras   
   gibt, zudem solche, die für jede-n erschwinglich sind. Bilder lassen sich digital am Computer   
   bearbeiten, ja sie lassen sich schon betrachten, noch bevor sie überhaupt im herkömmlichen   
   Sinn existieren. Was überhaupt ein "Bild" sei, gehört zu den virulenten Fragen der Kunstwis-   
   senschaft, überhaupt der Wahrnehmung von Kunstwerken. In einem gewissen Sinn war die   
   Frage schon immer virulent; wir wissen nicht, warum irgendwann Menschen anfingen, Bilder   
   zu malen, warum sie es taten. Die Etymologie des Wortes "Bild" ist umstritten, manche   
   Forscher vermuten einen Bezug zum griechischen Wort "philos", das "Freund" bedeutet.   
   Bilder würden danach nicht die Wirklichkeit reproduzieren, sondern sie neu begegnen lassen.   
   Beides, Kunstwissenschaft und unsere Wahrnehmung, hinken den Entwicklungen der Tech-   
   nik hinterher, man könnte meinen : naturgemäß. Dass sich Kopiergeräte, digitale Kameras   
   und Computer zur Herstellung von Kunstwerken eignen, ist keinesfalls eine allgemein aner-   
   kannte Tatsache.   
   An dieser Brandungszone von technischer Lebenswelt und künstlerischem, also menschli-   
   chem Ausdruck entspringt Ranrets Kunst. Seit über einer Dekade arbeitet er mit Neuen   
   Medien. Seine Anfänge liegen in der so genannten Copy Art. Keineswegs geht es dabei um   
   die mechanische Wiederholung von beliebigen Vorlagen. Vielmehr fächert sich das künstle-   
   rische Geschehen in eine Vielzahl von Akten und Entscheidungen, angefangen mit dem   
   Konzept, einer Materialsammlung, einem filigranen und einmaligen Arrangement auf der   
   Auflagefläche des Kopierers, schließlich einer Unzahl an Bearbeitungs- und Verfremdungs-   
   schritten nach Maßgabe der Möglichkeiten, die die Geräte jeweils hergeben. Dieses Arbeits-   
   verfahren hat sich vom linearen Produzieren von Gemälden verabschiedet, es ist prinzipiell   
   unabschließbar, offen, und es manifestiert sich nicht in einem einzigen, singulären Werk,   
   sondern entwickelt sich in Reihen und Serien. Eine spezifische Entwicklungslogik führt zu   
   dem, was man kunstwissenschaftlich "Serie" nennt: Monet schuf die ersten Seriengemälde,   
   Heuhaufenbilder, Ansichten einer Kathedrale, je mit minimalen Abweichungen, die scheinbar   
   vom Lauf der Sonne diktiert wurden, tatsächlich aber subtile ästhetische Entscheidungen be-   
   deuteten. Monets Stilisierungen folgten selbst gesetzten Regeln, mit dem Ziel, den Schein   
   gefrorener Augenblicke zu evozieren, aus einer gespielten Flüchtigkeit geborene Kunst-   
   werke.   
   2   
   Das Prinzip der Serie stieß verschiedene Neue Formen und dadurch neuzeitliche Traditionen   
   an, etwa die Abenteuer der Abstraktion oder die "konkrete" Malerei, Spielformen des Gegen-   
   standslosen, oder zum Geometrisch - Konstruktiven, oder schließlich zum Konzeptuellen,   
   zur Begriffskunst. Dabei kommt es nicht mehr auf das Werk an, sondern auf den Gedanken,   
   die Idee. Die Ausführung und Ausgestaltung ist nur noch Handwerk.   
   Andy Warhol reagierte mit seinen allgegenwärtigen Serien ironisch auf manche dieser Strö-   
   mungen, wenn er von angeblich banalen Vorlagen, Polaroidphotos etc., im Siebdruckverfahren   
   Serien fabrizierte, gar Tapeten mit den Ikonen der populären Kultur, Marilyn, Mick Jagger,   
   eine Kuh, Blumen : Pop Art, eben.   
   Ranret greift diese Linien auf, in den aktuellen Arbeiten mit handwerklichem Einsatz Digitaler   
   Medien, also auf der Höhe der Zeit und ihrem Grad technologischer Ausdifferenzierung - oder   
   auf dem Grat des Avanciertesten, entsichert und bedroht von Abstürzen in Überkommenes.   
   Nennen wir es vorläufig "Digitalismus": Das Medium, letztlich der Computerchip der x-ten   
   Generation, verlangt förmlich die Wiederholung, eben die Serie, Wiederholung des Immerglei-   
   chen und immer Anderen. Der Effekt ist das, was A.C. Danto eine "Verklärung des Gewöhn-   
  lichen " nennt. Strukturell nun wird die Serie System und Notwendigkeit : Es ist womöglich   
   ein psychologischer Hintergrund der Kunst Ranrets, nicht so sehr auf das schlechthin Gege-   
   bene, die scheinbar festen Sachverhalte, sondern vielmehr auf die Möglichkeiten aus zu sein,   
   die in jeder Wahrnehmung beschlossen liegen.   
   Die Sujets dieser Serien erschließen sich nur sehr genauen Kennern bestimmter Plätze Frei-   
   burgs und weiterer Orte. Wir müssen sie allerdings gar nicht wieder erkennen, es genügt ein   
   gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Oder besser, diese Haltung ist gefordert, eine Aufmerk-   
   samkeit, die sich selbst auf die Probe stellt. Ein extremes Beispiel : Eine der Bilderserien   
   Ranrets wirkt auf den ersten Blick wie eine ornamentale Wellenstruktur. Die Wellen sind aber   
   gar nicht gegenstandslos, sie sind nur abstrakt, abgezogen von einer Bundesstraße, einem   
   Tunnel. Man darf, und muss, zugleich doch an Wellen denken, an Wellenförmiges, es gibt   
   keinen Stillstand der Assoziationen, Einfälle und Interpretationsmöglichkeiten ( Abb.1, S. 4).   
   In der Tunnelserie eine Hommage an den Individualverkehr zu sehen, das wäre allerdings ver-   
   fehlt; so wie es bei Warhol verfehlt wäre, ihm eine affirmative Haltung zum American Way of   
   Life zu unterstellen. Ein Vergleich mit Andy Warhols Eierserie kann aufschlussreich sein :   
   Praller Hintergrund, pralles ins Auge Springen, in die Augen Tanzen des Vordergrundes. Auch   
   Ranret hat innerhalb seiner Brunch Reihe eine Eier Serie geschaffen, aber er lässt seine Eier   
   sich auflösen und mit dem Hintergrund verschwimmen, ein Unterschied. Warhol hat meistens   
   extreme Sujets gewählt, man denke an den Elektrischen Stuhl. Ranret hat sich für einfache   
   und individuelle Phänomene der Lebenswelt oder des gelebten Alltags entschieden.   
   Gerade diese Eier, auch im Leben gleicht keines dem anderen. Ranret verewigt ein einzelnes   
   Ei. Das Ei ist eine Zelle, seine allegorische Facettierung ist schier überbordend. Oder sein   
   Symbolismus? Genau dieses eine Ei aber hat Ranret selbst verzehrt ( Abb.2, S. 4). Alles sei   
   zum Verzehren da, sagte Hegel. Er meinte zwar nicht die Kunst, aber es erfüllt sich nur hier.   
      
   Kai Thyret  M.A.                                                                                Freiburg i.Br.  2004   
     Freier Philosoph u. Kunstwissenschaftler
     k.thyret@gmx.de
      
      
      
   3   
      
   Abb. 1   
      
   Strassenserie :  RT_B31o_01-05    Ranret   2003     <<  zurück
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
      
   Abb. 2   
      
   Eier Serie :  RT_EI_02-11    Ranret   2004     <<  zurück
      
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